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Vernunft statt Bauchgefühl

30 Jahre Deutsche Einheit und selten scheint die Gesellschaft so gespalten wie heute… Themen wie Klimawandel, Migration, Genderdebatten oder Corona machen es möglich. Gefühlt werde ich gezwungen mich stets zu entscheiden, bin ich für oder gegen Migration? Esse ich Fleisch oder nicht? Bin ich für oder gegen eine Alltagsmaske? Argumente werden wahrgenommen und gehen dann unter in der Meinung der moralischen Masse. Die Diskussionskultur und Argumente bleibt auf der Strecke der Emotionsautobahn.

Die Gründe sind meiner Meinung nach so weitreichend wie die Themen. Einen möchte ich aber ganz vorne benennen: Wir leben in einer postfaktischen Welt begünstigt durch weltweite Foren für ungefilterten Meinungsaustausch in Echtzeit auf der einen Seite und einen gleich bleibenden 24 Stunden-Tag auf der anderen Seite. Meinung und Fakten daher schwer voneinander zu trennen. Eine Welt, die aufgrund ihrer Schnelllebigkeit keine Fehler verzeiht und schnelle Entscheidungen verlangt, vom Ministerpräsidenten genauso wie vom Polizisten oder Aktienkäufer. Und diese Entscheidung zumeist für oder gegen etwas.

Wenn ich keine Zeit habe, mich intensiv mit den Hintergründen einer Tat, einer Firma, Aufgabe oder einer Behauptung auseinander zu setzen, bleibt mir nichts anderes übrig als das gute alte „Bauchgefühl“. Entgegen dem Verstand ist das Bauchgefühl leicht zu manipulieren, sodass ein lächelnder Unbekannter uns sympathischer erscheint als ein finster dreinblickender und wir ihm vermutlich eher zuhören.

Sich diese Emotionen der Masse zu Nutze zu machen, sichert heutzutage also eher den Erfolg als Fakten. Deswegen sitzt ein Donald Trump im Weißen Haus, die AfD im Bundestag und grüne Politiker neben jugendlichen Klimademonstranten. Es gewinnt nicht mehr derjenige die Diskussion, der konsensfähig ist, sondern diejenigen, deren festgefahrenen Meinungen mehrheitsfähig sind – das Bauchgefühl ausnutzend.

Bei vielen aktuell kontrovers diskutierten Themen geht es um Dinge, in die sich aufgrund Ihrer Aktualität hineingesteigert wird. Als Politiker kümmert und äußert man sich dann, wenn es opportun erscheint. Prominente Beispiele sind Angela Merkel, die entgegen ihrer Überzeugung überraschend eine Abstimmung zur gleichgeschlechtlichen Ehe gewährte oder Christine Lambrecht, die ihre Meinung zum Strafmaß von Kindesmissbrauch im Tagesrhythmus ändern konnte.

Meiner Meinung nach kann man dieser gefühlten Spaltung, dem Druck zu Entscheidungen und dem Vertrauen auf das Bauchgefühl nur entgegenwirken, wenn man langfristige Ziele benennt und sein Handeln transparent danach ausrichtet. Ich möchte für meine Nachkommen eine lebenswerte Welt und Umwelt erhalten. Ich kann es mir als Dieselfahrer und Fleischesser nicht erlauben die Moralkeule in allen Themen zu schwingen, aber es gibt dennoch zig Stellschrauben im Leben eines jeden, um diesem Ziel mit jedem neuen Tag gerechter zu werden. Glas- statt Plastik, Fahrrad statt E-Scooter, Rucksack statt Plastiktüte, Vorsicht statt Nachsicht, …

30 Jahre Deutsche Einheit. Ich verstehe Einheit nicht als Streben zu einer homogenen Gesellschaft der moralisch Überlegenden, sondern einer heterogenen, in der jeder versucht sich füreinander bestmöglich und nachhaltig einzubringen für ein Gemeinwohl, für eine nachhaltigere Welt. Hier bedarf es wieder einer vernünftigen zielorientierten Diskussionskultur, Verständnis und kein „Schwarz-Weiß-Denken“. Vielleicht ist das Tragen der Maske auch sinnvoll, obwohl die Luft im Bus genauso virulent bleibt? Lasst es uns wieder erlauben langfristig zu denken und zu handeln und die Meinung anderer nicht zu verteufeln, obwohl diese nicht unserer moralischen Idealvorstellung oder Filterblase entspricht. Und zwar im Sinne der Aufklärung mehr mit dem Verstand und weniger mit dem Bauchgefühl.

Sebastian Bollien, Stellvertretender Landesvorsitzender

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Wichtiger Hinweis:
Blogbeiträge stellen die persönliche Meinung einzelner Parteimitglieder dar. Diese kann in Einzelfällen von der Programmlage der Partei abweichend sein. Auch ist es möglich, dass zu einzelnen Themen und Aspekten in der ÖDP noch keine Programmlage existiert.