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Recht auf analoge Kindheit

Unser technikbegeisterter Sohn weiß schon, was er sich zu seinem 5. Geburtstag wünscht: Einen Experimentierkasten mit Versuchen rund um das Thema Elektrik. Dieser Wunsch kommt nicht von ungefähr: Seit dem wir in den Hamburger Bücherhallen ihm einen entsprechenden Kasten ausgeliehen haben, experimentiert er damit begeistert herum.

Als wir gestern schon einmal recherchiert haben, was es an Experimentierkästen so auf dem Markt gibt, sind wir auch auf den neuesten Schrei an Elektronik-Spielsachen gestoßen: Ein Roboter-Bausatz, mit dem sich Kinder ab 8 Jahren Roboter mit Mimik und Soundeffekten bauen können. Weitere Features, die dieser Baukasten bietet, sind eine Bluetooth-Schnittstelle, wodurch der Roboter mit einer App gekoppelt werden kann, sowie viele Optionen zum Spielen wie Programmierung, Tanzen, Sprachnachrichten oder die Übermittlung von Musik. Dadurch sollen Kinder ab 8 Jahren den Einstieg in die Elektronik und die Grundlagen der Programmierung erlernen können.

Abgesehen davon, dass ich meine Zweifel habe, ob 8-jährige Kinder wirklich schon in der Lage sind, sich mit Programmieren ernsthaft zu beschäftigen, erscheint mir der Lerneffekt bei diesem Roboter doch eher gering zu sein.

Dieses Spielzeug ist, denke ich keine Ausnahme, sondern passt zum derzeitigen Zeitgeist, in der die Politik die Digitalisierung der Schulen fordert und Kinder das Touchpad eines Smartphones mit Leichtigkeit bedienen können, aber Schwierigkeiten haben, auf einem Bein zu hüpfen.

Dabei gibt es viele kritische Stimmen, wie z.B. der deutsche Hirnforscher Manfred Spitzer. Spitzer warnt vor der zunehmenden Digitalisierung im Kinderzimmer und in den Schulen. Er verweist dabei auf diverse Studien, die eindeutig belegen, dass digitale Medien im Schulunterricht zu schlechteren schulischen Leistungen führen. Länder, die in der Vergangenheit ihre Schulen digital aufgerüstet haben, haben im internationalen Bildungsvergleich schlechter abgeschnitten. Zudem verweist Spitzer auf diverse negative Begleiterscheinungen wie z.B. Bewegungsmangel.

Aber auch Verbraucherschützer sind besorgt. So können Daten, die bei smarten Spielzeugen z.B. über eine Bluetooth-Verbindung übertragen werden, gespeichert und durch Dritte weiterverarbeitet werden.

Weitere Gefahren bergen Mini-Batterien (Knopfzellen), die in immer mehr Spielzeug eingebaut sind. Eine Bekannte von mir, die in einem Kinderkrankenhaus arbeitet, berichtete von einem Fall, wo ein Kleinkind so eine Knopfzelle verschluckt hat mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen für sein gesamtes Leben.

Zu guter Letzt finde ich den mit solchen Spielzeugen und digitalen Medien verbundenen Ressourcenverbrauch bedenklich.

Vor 2 Jahren hatte die ÖDP Bayern sich für den Wahlkampf zur Landtagswahl das Thema „Recht auf analoge Kindheit“ auf die Fahnen geschrieben. Dieser Slogan spricht mir aus dem Herzen. Ich finde, Kinder sollen ihre Kindheit nutzen, um zu spielen, zu basteln und haptische Erfahrungen zu machen. Digitale Medien werden sie in ihrem späteren Leben noch zur Genüge nutzen und die nötige Kompetenz zum Umgang mit Smartphone und Co. werden sie später im Handumdrehen erlernen können.

Unser Sohn interessiert sich zum Glück immer noch mehr für den Experimentierkasten als für den smarten Roboter. Zugegeben: Mit bald 5 Jahren ist er dafür eigentlich auch noch zu jung und es gibt bestimmt Tätigkeiten, die seine haptischen Fähigkeiten mehr herausfordern würden. Aber dafür findet sich eigentlich immer was, so spielt er jetzt z.B. mit seinem Papierflieger.

Hannes Lincke, Schatzmeister

Autor/in:
Dr. Hannes Lincke
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Wichtiger Hinweis:
Blogbeiträge stellen die persönliche Meinung einzelner Parteimitglieder dar. Diese kann in Einzelfällen von der Programmlage der Partei abweichend sein. Auch ist es möglich, dass zu einzelnen Themen und Aspekten in der ÖDP noch keine Programmlage existiert.