| Innenansichten einer Wahlkämpferin | |
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Montag, 4. Februar Und bei den großen Clubs ist’s halt auch insgesamt nicht so komfortabel. Letzte Woche z.B. war die ganze Polit-Truppe wie üblich auf dem Spritzenplatz versammelt: spd, grüne, fdp und der ganze andere Rest. Als ich meine ganze Öko-Mannschaft endlich am Start und am Stand hatte fing das ganz gruselig an zu schneeregnen. Ja, da hat man jetzt ein Problem an den rot-grün-gelben Ständen, denn es gilt die Beamtenmikadoregel: Wer zuerst geht, hat verloren. Also aushalten in der eiskalten Nässe. Wir konnten dann entspannt wieder einpacken. Wir wollen schließlich nur ein oder zwei Prozent und die spd will 40%. Dann müssen die eben auch 40mal so lange im Regen stehen. Tat uns auch ganz schrecklich leid. |
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Mittwoch, 6. Februar Na gut. Oder eben nicht. Jedenfalls müssen die ja Kohle ohne Ende haben, denn jedes der Plakate steht höchsten zwei Stunden unbeschadet rum. Und wir braven Politiker kriegen dann immer auf die Mütze, wenn’s so unaufgeräumt aussieht. Vielleicht ist das aber auch die vielgepriesene Arbeit, die nun exclusiv an deutsche Staatsbürger mit Moscheeaversion geht: Plakate aufstellen und gleich hinten wieder das Sperrholz einsammeln. Oh, Mann... |
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Samstag, 9. Februar Hier ist nämlich noch selbst denken und machen angesagt, nix mit Referenten und Sprechern und so ’nem Schnickschnack. Ich beantworte meine Fragen auf kandidatenwatch alle ganz und gar selbst und ohne doppelten Boden. Ich bin übriges auch selbst auf meinem Wahlplakat zu sehen und die Nase in meinem Gesicht ist echt meine eigene. Unglaublich oder? Wenn das Telefon klingelt, dann nehme ich mit meiner eigenen Hand den Hörer ab, halte ihn an mein eigenes Ohr und rede mit meiner eigenen Stimme da rein. Wahnsinn, denn was ich sage, habe ich mir mit meinem eigenen Kopf ausgedacht. Nix Sekretärin. Und dann ruft der nächste an und will was ganz anderes - und ich muss wieder selbst ran. Und wenn der Wahlkampf zu Ende ist, bin ich wahrscheinlich nicht in der Bürgerschaft aber Expertin für Bildung und Plakatkleister, für Entwicklungspolitik und Sendeformate beim NDR, für Energieversorgung und MS Publisher. Ich weiß dann wie weit eine Windkraftanlage von einem Haus und ein Plakat von einer Kreuzung entfernt sein muss, ich kann dann Infobrief von Infopost und Volksinitiative von Volksbegehren unterscheiden, ich kenn’ dann alle Hinz+Kunzt Verkäufer im Stadtteil und die Büros vom Hamburg Journal. Wenn ich noch einen Wahlkampf mache, weiß ich alles. Mein Gott... |
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| Montag, 11. Februar Warum ist die ödp eigentlich nie in den Medien? Seit Jahren fragen wir uns das. Sind wir zu doof oder zu langweilig, zu pleite oder zu unbequem? NEIN. Ich hab’s jetzt raus bekommen anlässlich eines Zusammenstoßes mit RTL, einem meiner unangefochtenen Lieblingssender. Bei RTL ist die Werbung besonders smoothy, schade nur, dass immer noch so viel Programm dazwischen läuft – wobei das auch schon deutlich... egal. Die wollten uns also auch mal ein bisschen abfilmen und als Kleinpartei ist man ja medienmässig eh an Schwarzbrot gewöhnt. Kommen die also pünktlich angereist, um zu sehen, wie wir unseren Infostand ins Auto einladen (weil das so schön unprofessionell ist, denn das macht eine kleine Partei schließlich aus... Wetten bei der spd sieht das ganz anders aus, wenn ein Typ einen Sonnenschirm in ein Auto legt?). Ich krieg also so ein Funkmikro an die Hose geklemmt und das Leid nimmt seinen Lauf. Der Tonmensch ist auch nach der dritten Wiederholung nicht zufrieden. „Da war ein Knazer...“ ist sein ständiger Kommentar. Scheinbar ist der Stecker nicht ok, oder das Kabel, oder die Funke, oder RTL ist abgeschaltet worden, wer weiß. Endlich haben die dann ein anderes Mikro am Start. Jedenfalls weiß ich jetzt, warum die ödp nie in den Medien ist. Entweder ist der Stecker nicht richtig drin oder was wir sagen hat „Knazer“. |
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Mittwoch, 13. Februar |
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Freitag, 15. Februar Die grünen haben ein gutes Programm, auch hier in Hamburg. Leider setzen sie immer was ganz anderes um. Hartz IV statt sozialer Chancengleichheit, Atomkompromisse statt Ausstieg, in München haben die grünen Stadträte für und nicht gegen das Kohlekraftwerk gestimmt, durch die grüne Enthaltung wurde die grüne Gentechnik möglich usw. Woran liegt’s? Sind das nun die Spenden von BMW und Co.? Ich kauf den grünen ab, dass sie wirklich was ökologisch-soziales wollen aber da kommt dann anscheinend so ein Punkt an dem man irgendwie der Mischung aus Verlockung und Druck erliegt. Nicht nur die grünen. Wie das wohl abläuft? Ruft da dann einer an: „Guten Tag, ich bin der Lobbyist von Bayersdorf, ich würde Ihnen doch nahe legen, dass...“ So wohl eher nicht. Oder auf ner Party: „Darf ich Sie auf nen Drink einladen und dafür...“ Auch nicht. Oder die Bank ruft an: „Da ist plötzlich sehr viel Geld auf Ihrem Konto von EON eingegangen, ist das richtig?“ Auch unwahrscheinlich. Oder nachts um drei zerrt einen eine dunkle Gestalt in einen Hauseingang und flüstert: „Wenn du nicht morgen für das Kohlekraftwerk stimmst, bist Du tot!“ Tja,... Ich glaube, die Jagd läuft irgendwie indirekter. „Ach, Sie sind nicht so für die Unterdrückung der Arbeitslosen, obwohl das doch so wichtig ist, um unsere anderen Ziele durchzusetzen. Mm... Übrigens, der Vorstand hat sie von Listenplatz 1 gestrichen, aber das ist natürlich eine ganz demokratische Entscheidung gewesen.“ Eher so. - Glaube ich. |
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Montag, 3. März So langsam wache ich aus dem Wahlkampfkoma wieder auf. Und was muss ich da sehen? Die Welt hat sich in der Zeit meiner Abwesenheit total verändert! Schwarz-grün liest mein wahlkampfmüdes Auge im zerknüllten Laberblatt. (Da packt mir mein Gröönhöker immer das Gemüse drin ein. Das Gemüse hat sich auch schon wegen der niveaulosen Unterbringung beschwert...) Meine Güte, denke ich. Habe ich echt so lange geschlafen, dass sich die Welt wirklich soooo verändert hat? Tja, aber wie ich so nach und nach wieder zu mir komme, da fällt mir auf: Blödsinn, die Welt hat sich schon die ganze Zeit verändert! Es gibt nur jede Menge Leute im politischen Dauerkoma, die das nicht merken (wollen). Da geht jetzt alles. Jeder kann jetzt jeden heiraten – es sei denn der andere ist dann doch irgendwie nicht vorzeigbar, zu links z.B., aber das ist kein Problem, wenn man dauerverlobt bleibt, politisch heißt das dann „sich tolerieren lassen“ und dann kann man quasi hintenrum in so eine Art Faktizitätsehe einlaufen. Das muss man nur erst mal in der eigenen Partei und in der Öffentlichkeit ganz sutje einwirken lassen. Aber davon mal abgesehen: Das ganze Konservativ-mitte-links-Geschiebe ist doch Müll von gestern. Am Ende sind alle in der Mitte und haben kein Profil mehr und damit man sich wieder positionieren kann muss man dann die Mitte in drei Abteilungen unterteilen, wobei da dann die rechte Mitte zu populistisch und die linke Mitte zu links ist und deshalb müsste man die mittlere Mitte noch mal in drei Abteilungen... „Und wo steht die ödp?“ Antwort: „Hier, direkt vor deiner Nase!“ Und die ist in deinem Gesicht – in der Mitte. |